Der Verständigungsschlüssel zum Hund für Züchter, Trainer und Hundehalter

Hier beschreiben Hundehalter ihre Erfahrungen in der Mehrhundehaltung. Es sind Berichte aus dem vorherigen und heutigen Leben der Hunde in unterschiedlicher Stellungszusammensetzung.

 

Im ersten Bericht beschreibt die Halterin folgende Stellungen:

V3 Einzelhund, V3-N3 Zweihundehaltung, 2xV3 - N3 Dreihundehaltung, räumliche Trennung der beiden V3s, V3-N3 Zweihundehaltung, V3-MBH-N3 Dreihundehaltung.

Diesen Bericht hat die Halterin als Zusammenfassung erstellt. Ausführlich arbeitet sie im geschlossenen Forumsbereich an einem Tagebuch. 

 

Die Entwicklung meiner Hündin V3

* 25.10.2009
Welpenwurf mit 10 Welpen, also inakzeptabler Wurf
Mutter: Bordercollie-Labrador
Vater: Schäferhund-Collie


Was wichtig ist:

- meine Hunde laufen IMMER OHNE LEINE, auch als Welpe.

- von den Rudelstellungen erfuhr ich erst, als  V3 schon 1 Jahr und 8 Monate alt war.
Alles, was zuvor passierte, geschah in reiner Unwissenheit.

Ich wünschte, ich könnte vieles rückgängig machen, und ich bereue heute zutiefst, was ich meiner V3 alles zugemutet habe.

- es fällt mir nicht leicht, rückblickend möglichst neutral die Situationen zu beschreiben.
Deswegen bitte ich um Verständnis, wenn die ein oder andere zu subjektive Bemerkung fällt von mir.
Ich steckte ja mittendrin in der Geschichte.Liebe meine Hunde sehr.

Die ersten sechs Monate: V3 als Einzelhund

V3  kam mit 7 Wochen zu uns.
Sie war ein ruhiger, immer freundlicher, aufgeschlossener Welpe.
Bis heute kann ich nicht sagen, daß V3 mir jemals irgendwelche Probleme bereitet hat in Bezug auf die Anforderungen, die die menschliche Gesellschaft an einen Hund stellt.
Sie ist ein sehr "braver" und "gehorsamer" Hund, obwohl ich nie in irgendeiner Art mit ihr irgendwelche Dinge trainiert habe.

Die ersten kurzen Spaziergänge habe ich mit ihr gemacht mit etwa 3 Monaten, zuvor sind wir nur auf einer Wiese gewesen.
Und sie begann von Anfang an damit, VOR mir herzulaufen.

So liefen wir die ersten sechs Monate ihres Lebens also herum, V3 immer nah bei mir und so gut wie immer VOR mir. Bei Außenreizen, fremden Hunden, Kindern etc. blieb V3 bei mir, setzte sich oft hin und schaute.

N3 kommt dazu als Zweithund

Als V3 sechs Monate alt war, kam die zweite Hündin zu uns: N3, ein kleinerer Spitzmischling.

Somit lebte V3 ab diesem Zeitpunkt in Unstruktur, denn V3 und N3 haben nichts miteinander zu tun. Die beiden verstanden sich sehr gut, wurden Freundinnen, und sie zusammen hatten nie Probleme miteinander.

Zuerst lief die N3 HINTER mir, V3 weiterhin VOR mir, und alles verlief sehr ruhig, die beiden blieben brav bei mir.

Als V3 etwa acht Monate alt war, N3 war da etwa sechs Monate alt, begann die N3, VOR mir zu laufen und ab da änderte sich auch das V3 Verhalten:
je näher die N3 an sie heran lief, desto weiter lief auch V3 aus ihrer Stellung heraus. Die Abstände zu mir vergrößerten sich. Aber ich hatte Glück im Unglück, die beiden liefen trotzdem nie weg, blieben immer in meiner erreichbaren Nähe.
Aber eben nicht mehr immer im stellungsgemäßen Abstand zu mir.

Das Tempo der Spaziergänge war aber weiterhin entspannt; die beiden Hündinnen liefen zwar eifrig um mich herum, aber nie im gestressten Renntempo.

Der Fehler in dieser Zeit
war, daß die N3 ungebremst nach vorne in den Bereich der V3, also des Vorrangs, laufen durfte, und ich sie daran nicht gehindert habe und nie nach vorne eingegrenzt habe.

Für mich wirkte es "so harmonisch", wie die beiden Hündinnen gemeinsam "die Welt entdeckten".........


V3 kommt dazu als Dritthund: DOPPELBESATZ V3

V3 war zehn Monate alt,
N3 war 8 Monate alt,
da kam unsere dritte Hündin zu uns: eine weitere V3,
ein Dobermann-Podenco-Mischling.

Auf die Schwierigkeiten eines Doppelbesatzes hier einzugehen, führt zu weit. ich beschreibe daher nicht die Problematiken, die zwischen den Hunden entstehen, sondern will nur auf  die ErstV3  Verhaltensveränderung eingehen.
Diese waren aber natürlich das Resultat aus dem Doppelbesatz.

ErstV3 war die mental schwächere V3 der beiden Hündinnen. In den ersten Tagen merkte man ihr absolute Ratlosigkeit an, sie beobachtete ZweitV3 in einer völligen Hilflosigkeit.

Zweit V3, die mental stärkere der beiden, war eine hochsoziale Hündin, teilweise wild aufgewachsen in Spanien. Sie ging offensiv auf Erst V3 zu, und so lernte Erst V3, sich gegen Zweit V3 zu wehren; auf längere Sicht lernte sie dieses Verhalten natürlich auch in Bezug auf fremde Hunde!
Erst V3 hatte bis dahin noch nie ein Problem mit irgendeinem Hund gehabt. Nun mußte sie gezwungenermaßen solches Verhalten sich aneignen.

Mein Glück war, daß Zweit V3 aufgrund eines Beinbruchs körperlich unterlegen war. Beide Hündinnen "arrangierten" sich miteinander, was blieb ihnen auch anderes übrig! und verhielten sich deeskalierend gegenüber.

Ab dem ersten Tag (!!!), den Zweit V3 bei uns war, gab es Rennsequenzen, die unnatürlich lang ausfielen, mit den beiden V3s.

Mit der Zeit hängte sich auch  N3 manchmal an und rannte hinter den beiden V3s her, oft kläffend.
Die kleine N3 war völlig überfordert in dieser spannungsgeladenen Situation, hilflos, einfach arm.

Auf den Spaziergängen ergab sich nach einigen Monaten dann folgendes Bild:
eine der V3 war nah bei mir, meist war das Erst V3, während die andere V3 entfernt meist parallel lief.
N3 entfernte sich weiter und weiter von uns allen. Manchmal lief sie sicher an die 40, 50 m in Wiesen hinein, beschäftigte sich allein, entzog sich so dem Druck.

Wieder hatte ich Glück im Unglück:
der Doppelbesatz war bei uns "ein Wolf im Schafspelz". die Hündinnen gehorchten sehr gut, waren alle miteinander sehr brav und vielleicht deswegen kamen mir auch kaum Zweifel, daß da etwas nicht stimmen könnte.

Erst V3 begann, vermehrt zu bellen. Zuhause steigerte sie sich, zusammen mit Zweit V3 und der N3, immer mehr hinein. Jeder noch so unwichtige Passant draußen, jedes Geräusch musste gemeldet werden, doch damit nicht genug, sie bellten so lange, bis ich das abbrach.

Bei Fremdhundebegegnungen lief jetzt oft Erst V3 vorne heraus dem fremden Hund entgegen,
gefolgt von der N3, während Zweit V3 alles beobachtete.
Auch da hatte ich Glück, weil Erst V3 sehr freundlich ist mit fremden Hunden.

Je länger dieser Doppelbesatz bestand, desto mehr wurden die kopflosen Rennsequenzen von Erst V3 auf den Spaziergängen. Ich wunderte mich oft darüber, wieso einer meiner Hunde so viel und anhaltend rennen musste. Jeder, den ich dazu fragte, begründete das mit dem jungen Alter!
Was für ein unsäglicher Irrtum.........!!!

Sie zeigte völlig durchgedrehte Handlungsabläufe, wirkte oft unsagbar infantil, hampelte mit Stöckchen herum, sprang mit Anlauf in Flüsse und Seen, raste dann wie gestochen klitschnass über Wiesen, um dann wieder mit einem Stock oder irgendetwas herumzukaspern.

Natürlich dauerte das nicht den ganzen Spaziergang lang an. Aber auf fast jedem Spaziergang legte sie ihre "Show" ein.

Ich hatte oft das Gefühl, sie will Aufmerksamkeit, sie will zeigen, was sie alles kann, sie will zeigen, daß sie die bessere Hündin ist.


Im Dezember 2011
trennte ich die beiden V3 tagsüber, da Zweit V3 wegen ihres Handicaps geschont werden sollte.
(Sie war in Behandlung bei einem Facharzt auf diesem Spezialgebiet, ihre beiden Hinterbeine waren völlig kaputt.) Nur abends/nachts begegneten die beiden V3 sich und schliefen im Haus beisammen. Sie konnten sich aber ausweichen.


Zu diesem Zeitpunkt wußte ich schon von den Rudelstellungen, und der Verdacht, daß es sich bei den beiden um Doppelbesatz handelt, stand schon im Raum.

Auffällig war schon jetzt:
Beide V3-Hündinnen schliefen mehr und auf Spaziergängen, die auch getrennt stattfanden, fanden Rennsequenzen kaum mehr statt.

Die strikte komplette Trennung März 2012
Nach meiner Teilnahme am Rudelstellungs-Workshop, wo der Doppelbesatz nun endgültig festgestellt wurde, trennte ich die Hündinnen komplett. Sie sahen sich nie wieder.

Wieder konnte ich noch mehr Ruhe feststellen. Erst V3 schlief und schlief. Mir kam es vor, als holte sie so viel Ruhe und Schlaf der vergangenen 1 1/2 Jahre nach.


Zusammen mit der N3,
die ab nun auch wieder strikt HINTER mir laufen mußte (!) unternahmen wir Spaziergänge,
die ruhiger waren. Die beiden begannen, zusammen Mäuselöcher zu suchen, sie bewegten sich schon ruhiger.

Bei Außenreizen kamen aber immer noch die Fehlverhalten zum Vorschein, nicht mehr so ausgeprägt, aber doch: rausrennen, vorrennen, Ansätze von gemeinsamen Jagdsequenzen, gesteigertes Bellen, etc.

Ich ging auch alleine mit jeweils nur einem Hund spazieren:
hier zeigte Erst V3 nun plötzlich wieder ihr Verhalten, was sie mir in ihrem ersten halben Jahr gezeigt hatte:

ich habe meine Erst V3 wieder bekommen. Endlich konnte sie wieder sie selber sein.

Anfang Mai 2012
verstarb meine liebe Zweit V3.

Meine Erst V3 blühte auf. Ihr Körper baute sich auf, sie wurde "mehr" Hund, mir kam es vor, als entfaltet sich ihr Körper zum vollen Hund. Sie zeigte sich mehr, sie legte auch Allüren an den Tag (z.B. Futter stehen lassen, weil es ihr nicht schmeckte, oder für alles eine extra Aufforderung erwarten, z.B. ins Auto einsteigen.)

Sie begann auch, N3 vorsichtig zu maßregeln, wenn diese mal wieder vorpreschte.

Schwierig waren ab dem Zeitpunkt Treffen mit fremden Hunde, wenn diese - wie ich stark vermute - auch eine V3 waren:
Erst V3 reagierte extrem darauf, schon auf weite Entfernung bekam sie eine Bürste und wurde unruhig. In - versehentlicher - direkter Konfrontation mit einer vermuteten V3 zeigte Erst V3 in Ansätzen starke Aggression und Abwehr. Das ist eine nur allzu verständliche Reaktion, war sie doch gerade "befreit" worden aus der langen Zeit des Doppelbesatzes.

Einzug MBH Ende Juni 2012
Der Einzug eines MBH war von mir schon geplant seit des Workshops im März.

Er ist etwa 7 - 8 Monate alt, ein Ca de Bestiar - Podenco-Mischling (angeblich), aufgewachsen wild im Geschwisterverband, Mutter nicht aufgefunden.

Signifikante Veränderungen seitdem

Das Bellen der beiden Hündinnen V3 und N3 hörte schlagartig schon am ersten Tag auf. Einmal rannte sie an die Hecke und bellten, der junge MBH ging ihnen hinterher, bellte eine "Ansage",
und sie verstummten.

Die N3 hat noch einmal danach an der Hecke gebellt, wieder dasselbe wie oben.

Er "lernte" der V3, wann sie zu bellen hat.Erst V3 hält sich streng daran.
Sie geht ungefähr dreimal am Tag raus und bellt, einmal kurz, und kommt zurück.
Im Vergleich zu früher ist hier Ruhe, unglaubliche Ruhe.

Im Auto wurde früher gebellt, wenn wir an einem Hund vorbeifuhren.
Nun: mucksmäuschenstill.

Sie frisst anstandlos alles, was sie bekommt, sie braucht für nichts eine Einladung mehr.

Sie wirkt auf mich plötzlich erwachsen, seriös, immer bemüht, sich "korrekt" zu verhalten.

Es wirkt auf mich, als fühlt sie sich verantwortlich für den jungen MBH. Draussen "nimmt sie ihn an der Hand" und führt ihn.

Ihr Tempo draussen hat sich drastisch verlangsamt. Kein Vergleich mehr zu früher. Es gibt überhaupt keine Rennereien oder sonstige Aufgedrehtheiten. Sie macht alles langsam, konzentriert. Sie bleibt immer nah vor mir, in absolut akzeptablem Abstand, MBH zwischen mir und ihr.

Sie wirkt überlegt, nichts Kopfloses ist mehr zu sehen. Sie ist hochkooperativ mit mir, immer ansprechbar.

Und auch die kleine N3 ist im Gegensatz zu vorher wie ausgewechselt. Kein Kläffen mehr,
kein kopfloses Lospreschen nach vorne, sie läuft dicht hinter mir ohne jeglichen Aufwand.


Der Wechsel von völliger Unstruktur in ansatzweise strukturierte Hunde,
N3 - MBH - V3,
hat meine Hunde innerlich ruhig werden lassen. Nur durch die Anwesenheit des MBHs,
ohne, dass er viel macht, denn er ist noch jung, haben die beiden Hündinnen ihr Verhalten deutlich verändert.

Erst V3 ist ganz sicher immer noch nicht ganz stabil, hat Unsicherheiten, die aus der beschriebenen vergangenen Zeit resultieren. Aber sie ist deutlich gewachsen innerlich, strahlt Ruhe und Überlegtheit aus, zeigt ihre sozialen Fähigkeiten, und entwickelt sich in Gegenwart dieses jungen MBH so phantastisch.

Schon jetzt übertrifft ihre Entwicklung in so eine positive Richtung alles, was ich vorher nicht erwartet, mir aber für sie und ihr inneres Wohl erhofft habe.

Meine kleine Erst V3. so großartig machst du das alles, mein Mädchen.