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Der  Musikwettbewerb

 

Im Städtchen Ruhsingen wird traditionell alle fünf Jahre ein Wettbewerb unter den Schulen des Orts durchgeführt: jede Schule stellt eine Musikergruppe zusammen und diese Gruppen treten dann vor einer Jury aus den beteiligten Musiklehrern gegeneinander an. 2015 war es nun wieder soweit.

 

Frau Terle, die zuständige Musiklehrerin der beteiligten Grund- und Hauptschule, machte sich Gedanken, aus welchen Schülern sie ihre Gruppe zusammenstellen sollte. Sie unterrichtete an einer musikalischen Schwerpunktschule, so dass jeder Schüler ein oder mehrere Instrumente spielen konnte - die auswahl war also groß. Weil Frau Terle allerdings erst anfang des Jahres an die Schule gekommen war, blieb ihr für die Auswahl der Schüler und das Üben mit der Gruppe nicht mehr allzu viel Zeit.

 

Zunächst sah sie sich die Musiknoten ihrer Schüler an. Es waren viele gute Talente dabei, einige davon schnitten immer nur mit Bestnoten ab. Frau Terle notierte sich die Namen. Es war ihr klar, dass jeder beteiligte Schüler sein Lieblingsinstrument spielen sollte, wenn sie eine Chance auf den Gewinn haben wollten. Auch wenn fast alle Schüler noch weitere Instrumente spielten und das zum Teil sogar gut, konnten sie nur mit ihrem jeweiligen Hauptinstrument so richtig glänzen.

 

Es kristallisierten sich auf diese Weise mehrere Violinisten, zwei Sänger, vier Pianisten, drei Trompetenspieler und zwei Schlagzeuger heraus. Frau Terle lud alle zusammen zur ersten Probe ein. Sehr schnell bemerkte sie allerdings, dass die Schüler zwar ihre Instrumente bzw. ihr Fach sehr gut beherrschten, aber kaum geübt darin waren, als Gruppe zusammen zu musizieren. Jeder spielte einfach mal drauf los und es ergab sich ein ziemliches Durcheinander, wobei sich die Schüler dann auch noch anfingen zu streiten, wer an dem Chaos denn nun schuld sei.

 

Als erstes beschloss Frau Terle daher, die Gruppengröße zu reduzieren, schon alleine aus terminlichen Gründen: sie hatte pro Tag neben dem normalen Unterricht nur eine Stunde Zeit und wollte zunächst mit jedem Schüler der Gruppe einzeln intensiv üben. Einmal pro Woche sollte die Gruppe dann zusammen musizieren. Selbst wenn sie Samstag und Sonntag dazu nahm, musste sie die Gruppe damit auf sechs Mitglieder begrenzen: Montag bis Samstag jeweils Einzelunterricht und am Sonntag dann alle gemeinsam.

 

 Gesagt, getan. Schnell merkte Frau Terle, dass es nicht so gut war, zwei Schüler mit dem gleichen Instrument in der Gruppe zu haben, denn sie fingen bald an, untereinander um die Gunst der Lehrerin zu buhlen, wer von ihnen denn der bessere Spieler war. Das war für ein harmonisches Zusammenspielen natürlich kontraproduktiv und so schränkte sich die Auswahl weiter ein.

 

 Daher wählte Frau Terle nun den besten Schlagzeuger, den besten Trompetenspieler, den besten Pianisten und den besten Sänger aus. Von den Violinisten nahm sie die besten zwei, wobei der eine schon immer die Hauptstimme und der zweite eher Begleitung gespielt hatte. Aber schon wieder gab es Schwierigkeiten: auch wenn sie in ihrer jeweiligen Altersklasse die besten waren, klaffte das Können der einzelnen Altersstufen teilweise doch zu sehr auseinander. Frau Terle tauschte daher zwei Schüler aus.

 

Vom musikalischen Können war es damit schon mal eine recht ausgewogene Gruppe. Allerdings stellte sich heraus, dass die Vorlieben der einzelnen Musikrichtungen teilweise doch sehr auseinander gingen. Auch wenn vom Prinzip her jeder jeden Stil spielen konnte, hatten sie doch nur an ihrer bevorzugten Musikrichtung wirklich Spaß – und nur mit Spaß und Freude bei der Arbeit waren sie bereit, das regelmäßige Üben wirklich durchzuhalten.

 

Frau Terle musste deswegen nochmals zwei Schüler auswechseln. 

Jetzt ergänzte sich die Gruppe in Bezug auf Instrumentenverteilung, musikalisches Können und bevorzugte musikalische Stilrichtung bereits sehr gut. Trotzdem gab es weiterhin Probleme: einer der Schüler hatte einem anderen früher die Freundin ausgespannt, was dieser ihm nicht verziehen hatte. So kam es zwischen diesen beiden immer wieder zu Querelen, unter denen die Zusammenarbeit litt, auch wenn Frau Terle zu vermitteln versuchte. Zur Lösung ihrer eigenen Probleme nahmen die Schüler die Lehrerin als mehr oder weniger „außenstehende“ Erwachsene jedoch nicht wirklich ernst.

 

Zusätzlich waren sich zwei weitere Schüler unsympathisch, auch ganz ohne dass es dazu eine besondere Vorgeschichte gab. Die von Frau Terle erhoffte Harmonie in der Gruppe wollte sich einfach nicht einstellen und sie war schon drauf und dran, ihre Teilnahme am Musikwettbewerb einfach abzusagen. Lieber gar kein Wettbewerb als einer der hinteren Plätze, der dann womöglich wie ein Makel an der Schule klebte und den Start zum nächsten Wettbewerb schon von vornherein erschwerte.

 

 Aber einen Versuch wollte Frau Terle dann doch noch unternehmen. Jetzt schaute sie sich ihre Schüler jedoch unter einer etwas anderen Perspektive an: sie suchte gezielt nach Schülern, die schon länger mit den gleichen anderen zusammen musiziert hatten. Und so fand sie tatsächlich ein Brüderpaar mit den Instrumenten Pauke und Trompete und ein Schwesternpaar mit Klavier und Gesang. Die beiden Violinisten aus der vorherigen Gruppenzusammenstellung hatte sie behalten.

 

Die Brüder Nathan und Nino verstanden sich super und hatten schon immer gerne zusammen musiziert. Der ältere Nathan mit seinem ruhigeren und selbstbewussteren Naturell hatte die Pauke zu seinem Lieblingsinstrument erkoren. Er gab prinzipiell gerne „den Ton an“ bzw. den Rhythmus vor, scheute sich aber vor zu anstrengenden Tätigkeiten. Da kam ihm die Pauke gerade recht. Der etwas unsicherere Nino war ganz froh über den großen Bruder und passte sich ihm mit seiner Trompete perfekt an. 

 

 Die Schwestern Vivian (Gesang) und Nele (Klavier) musizierten ebenfalls schon lange zusammen. Vivian hatte eine ganz tolle Stimme, konnte alleine jedoch das Tempo nicht so gut halten. Das gab daher Nele mit ihrem Klavierspiel vor. Dummerweise war Vivian ein Jahr älter als Nele und ließ sich von der jüngeren Schwester daher nicht so gerne etwa sagen, so dass die beiden öfter mal in Streit gerieten. War jedoch ihre ältere Cousine Mathilda dabei, die am meisten Spaß daran hatte, die Dirigentin für Vivian und Nele zu spielen, bildeten die drei eine perfekte Einheit.

 

 Diese beiden Gruppen funktionierten also bereits sehr gut. Bei Vasilij und Verner, den beiden Violinisten, dauerte es noch ein paar Übungsstunden, bis die beiden zu einem verlässlichen Team zusammenwuchsen. Vasilij, ein ruhiger und umsichtiger, aber auch recht dickköpfiger Junge, spielte die Erste Geige, der temperamentvolle Verner die Zweite. Anfangs war Verner zeitweise der Meinung, dass er selbst die musikalische Führung übernehmen kann, und sein Geigenspiel war tatsächlich sehr souverän. Er neigte allerdings dazu, während eines Stückes immer schneller zu werden, und da war es schon deutlich besser, wenn er sich an Vasilij orientierte. Da Vasilij drei Jahre älter war, akzeptierte Verner dessen Führung recht schnell. Auch sonst verstanden sich die beiden Jungs sehr gut miteinander und wurden dicke Freunde.

 

 Frau Terle war begeistert, wieviel einfacher die Arbeit für sie nun geworden war. Statt mit sechs Schülern einzeln zu üben, probte sie nun nur noch mit den drei Untergruppen plus wie vorher auch einmal pro Woche mit der gesamten Gruppe. Dabei machte sich vor allem Mathildas soziales Einfühlungsvermögen und ihr Organisationstalent mehr als bezahlt. Kam es in der Gruppe mal zu kleinen Spannungen, erkannte sie diese sofort und hatte auch immer Lösungsideen parat. Auch wenn es ums kurzfristige Organisieren von Übungsterminen usw. ging, hieß es schon bald „nicht verzagen – Mathilda fragen“

 

 Mathilda selbst blühte in der Gruppe total auf. Zwar konnte sie sehr viele Instrumente spielen, hatte aber kein richtiges Lieblingsinstrument. Es war eher so, dass ihr ein Instrument schnell langweilig wurde, wenn sie es einigermaßen beherrschte, und sie dann mit dem nächsten anfing. So konnte sie zur Not zwar überall kurzfristig einspringen, wenn mal ein anderes Instrument ausfiel, dies verlangte ihr dann aber eine sehr große Konzentration ab, da es ja nicht wie bei den anderen ihr Hauptgebiet war. Aufgrund von Mathildas Musikleistungen wäre Frau Terle daher auch nie auf die Idee gekommen, sie mit in die Gruppe zu holen. 

 

Jetzt war Frau Terle freilich heilfroh darüber, denn Mathilda wurde von allen akzeptiert und gemocht und als Jugendliche viel mehr in der Gruppe anerkannt, als es der Lehrerin jemals möglich gewesen wäre. Und durch diese Position innerhalb der Gruppe schaffte es Mathilda schon bald mit viel Gespür und Geschick, nicht nur die sozialen Bedürfnisse aller zu berücksichtigen, sondern auch die musikalischen Leistungen von sechs Einzelpersonen perfekt zu einer Gruppenharmonie zusammenzufügen.

 

Bald schon vereinfachte sich die Arbeit für Frau Terle noch weiter: die Gruppe verstand sich untereinander so gut, dass sie gar nicht mehr getrennt üben wollte. So probten sie zu siebt schließlich nur noch zweimal pro Woche. Frau Terle wusste, auf welche Einzelheiten es beim Wettbewerb ankam, und brachte ihrer Gruppe bei, was besonders wichtig war und was auf alle Fälle vermieden werden musste. Innerhalb dieses Rahmens ließ sie ihren Schülern bei der Umsetzung viel Freiheit. Vasilij, Mathilda und Nathan, die drei ältesten der Gruppe, sprachen sich dann jeweils miteinander ab, wie sie am besten vorgehen könnten, und sorgten anschließend gleich noch für die jeweilige Umsetzung.

 

Frau Terle war begeistert: sie hatte nun eine sehr harmonische, ausgewogene Gruppe beieinander, die sich untereinander trotz normaler kleiner Streitigkeiten hin und wieder bestens verstand, die sich musikalisch perfekt zu einem großen Ganzen ergänzte und die gerne und vertrauensvoll mit ihrer Lehrerin zusammenarbeitete, so dass auch die einzelnen Übungseinheiten flott und erfolgreich voranschritten. Der große Tag des Wettbewerbs konnte kommen.

 

Als es schließlich soweit war, verfolgten Frau Terle und ihre Gruppe gespannt die Auftritte der anderen Schulen. Sie selbst hatten den letzten Startplatz gelost. Die anderen Schulen bekamen mal mehr, mal weniger gute Bewertungen. Es waren schöne Beiträge dabei, so richtig vom Hocker riss es bisher aber weder Jury noch Publikum. Erst als die Siegerschule vom letzten Mal, das musische Gymnasium, angekündigt wurde, ging ein leises Raunen durch die Menge. 

 

Die Lehrer dort waren dafür bekannt, aus ihren Schülern echte Profis machen zu können – aber auch dafür, eiserne Disziplin einzufordern. An ihrer uneingeschränkten Autorität durfte niemand zweifeln, der nicht von der Schule verwiesen werden wollte. Wer gehorchte und gute Leistungen brachte, erhielt Anerkennung und Lob. Wer sich nicht genügend anstrengte, den ignorierten die Lehrer zunehmend. Wer seine Arbeit absichtlich nicht erledigte, wurde bestraft. Vasilij war früher auf dieser Schule und kam mit den Lehrern dort durch seine zeitweilige Dickköpfigkeit überhaupt nicht zurecht. Je mehr Druck auf ihn ausgeübt wurde, desto mehr schaltete er auf stur. Gerade noch rechtzeitig durfte er die Schule wechseln, bevor ihm die Lehrer mit ihrem harten Durchgreifen auch noch die Lust am Musizieren verdorben hätten.

 

Das Gymnasium begann mit seiner Aufführung. Es hatte sich eine neue Strategie zurechtgelegt: jeder Schüler spielte zunächst ein kurzes Solo auf seinem Instrument, dann wurden die Instrumente um eine Position weitergereicht, erneut spielte jeder ein kurzes Solo, abermals gingen die Instrumente zum nächsten Schüler usw., bis schließlich jeder Schüler auf jedem Instrument gespielt hatte. Als alle wieder ihr eigenes Instrument hatten, spielten dann noch alle zusammen, wobei der Musiklehrer mit straffer Hand zackig dirigierte. Es war eine Meisterleistung, technisch perfekt bis ins letzte Detail. In der Jury wurde eifrig notiert, das Publikum klatschte anerkennend Beifall. 

 

Als letztes wurde schließlich Frau Terles Gruppe aus der musischen Grund- und Hauptschule angekündigt:  

Erste Geige: Vasilij Ladislaus (Hauptschule)

Zweite Geige: Verner (2. Klasse)

Gesang: Vivian (3. Klasse)

Dirigent: Mathilda Briska (Hauptschule)

Klavier: Nele (2. Klasse)

Trompete: Nino (3. Klasse)

Pauke: Nathan Ludwig (Hauptschule)

 

Frau Terlenickte ihrer Gruppe nochmals aufmunternd zu und ging dann zur Seite, was für die erste Verwirrung in der Jury sorgte. Wollte sie ihre Gruppe denn nicht anleiten? Für die zweite Verwirrung sorgte dann Mathilda, als sie aus der Gruppe hervortrat und sich ganz alleine zum Dirigieren anschickte. Doch das beginnende Kopfschütteln hielt nicht lange an. Schon nach den ersten Takten wurde es mucksmäuschenstill, das Publikum lauschte gebannt. Der Auftritt war technisch nicht ganz fehlerfrei, aber das störte das Publikum nicht. Einigen Eltern standen bald Tränen in den Augen, mehreren Jurymitgliedern blieb schließlich der Mund offen stehen. 

 

Als die letzten Töne verklungen waren, blieb es zunächst immer noch still. Doch dann brandete der Applaus wie eine große Ozeanwoge heran und das Publikum sprang von den Stühlen auf und jubelte. Frau Terle stellte sich wieder mit zu ihren Schülern und strahlte mit ihnen um die Wette. 

 

Sobald alle wieder ihre Plätze eingenommen hatten und die Jury mit ihrer Besprechung fertig war, wurde es erneut ganz still. Jedem war klar, dass der erste Platz entweder an das Gymnasium oder an Frau Terles Schule gehen würde. Mit leichtem Räuspern erhob sich der Sprecher der Jury schließlich zu seiner Ansprache: „Wir alle durften heute sehr gute musikalische Leistungen hören und sehen. Eine Schule stach dabei besonders heraus: das vielfältige Know-How und die Technik der Gruppe des musischen Gymnasiums sind nicht zu überbieten. Was Schüler und Lehrer dafür an Arbeit geleistet haben, ist absolut bewunderswert. Dagegen kamen die einzelnen musikalischen Leistungen der musischen Grund- und Hauptschule, die prinzipiell auch sehr gut waren, nicht an. 

 

Und doch: es sind nicht die Leistungen einzelner, die gute Musik ausmachen, sondern es war das Zusammenspiel genau dieser sieben Schüler von Frau Terle. Diese harmonische Gruppe hat etwas geschafft, was der Gymnasiumsgruppe letztendlich trotz noch so ausgefeilter Spieltechnik nicht gelungen ist: sie hat auf direktem Weg unsere Seele tief berührt. Daher geht der erste Preis in diesem Jahr an Frau Terles sieben Schüler und damit an die musische Grund- und Hauptschule!“

 

Wieder brandete Beifall auf, Frau Terle und ihre Schüler lagen sich in den Armen. „Was treiben wir denn nun mit unserer wiedergewonnen Freizeit?“ fragte Frau Terle ihre Gruppe augenzwinkernd. „Natürlich weiter musizieren!“ strahlte Mathilda und die anderen sechs hängten sich zustimmend bei ihr ein. „Jetzt, wo wir als Gruppe unsere erste richtige Bewährungsprobe bestanden haben, fangen wir doch erst so richtig an!“ ergänzte Vasilij und wurde von Nathan freundlich auf die Schulter geklopft. „Und Sie müssen uns natürlich weiter fördern!“ lächelte Mathilda Frau Terle herzlich an, wobei Vasilij, Verner, Vivian, Nele, Nino und Nathan kräftig nickten. Die Lehrerin blickte langsam von einem zum anderen, dann nickte sie ebenfalls und begann zu strahlen. Ganz still und heimlich wischte sie sich eine kleine Freudenträne aus dem Auge, dann ging sie mit ihrer Gruppe zur Jury, um den Preis entgegen zu nehmen. 

 

© AGR Mai 2015