Der Verständigungsschlüssel zum Hund für Züchter, Trainer und Hundehalter

Chambes, Border Collie, VLH

 

Es sollte wieder ein Border Collie sein.

Fasziniert von der Intelligenz und ihrem „will to please“ war

es für mich klar, keine andere Hunderasse kam in Frage. Ein Hund vom Tierschutz, so wie unser erster Border Collie auch, möglichst jung, damit man ihn noch gut formen und ausbilden kann. Das

war mein Wunsch.

 

Ende 2010, Chambes zog ein. 7 Monate alt, fünf davon ausgesperrt auf einem Balkon. Er kannte nichts. Auffällig war von Anfang an seine große Neugier, seine Selbständigkeit und sein großer Vorwärtsdrang.

 

Klar, Border Collies wollen Action; so gingen wir joggen, er lief am Fahrrad und am Pferd, wir machten Dogdance und Obedience. Er lernte jeden Trick in einer Minute,

hatte jedoch meist keine Lust,  ihn dann zu zeigen.

 

Auf dem Hundeplatz schaute man uns komisch an,

Chambes wollte immer zuerst den Platz erkunden, bevor er sich konzentrieren konnte.

Naja, Konzentration war nicht unsere Stärke. Er war überall, sah alles um sich herum, war schwer bei mir zu halten.

 

Bei unseren Spaziergängen draußen hörte er schlecht. Er kam nur widerwillig, wenn ich ihn rief. Er rannte zu jedem Hund hin und mit

jedem Hund herum.

 

Nie legte er sich vor einem Hund hin, auch vor uns nur sehr widerwillig.

Platzablage ging nur mit absoluter Konzentration und Blickkontakt meinerseits, einen Moment unachtsam, der Hund war weg und machte sein Ding. Leine war ein einziges Ziehen, Fuß gehen

eine Kraftprobe.

 

Ich übte fleißiger, lastete ihn mehr aus und mein Hund verabschiedete sich innerlich immer mehr von mir.

 

Er war immer mal wieder krank,

unerklärliche hohe Fieberschübe, Erbrechen und Durchfall.

 

Ich hatte keinerlei Bindung zu ihm,

wenn er sich erschreckte, rannte er vor mir weg.

Unglücklich war ich mit ihm, liebte ihn doch so sehr. Gefühlt tat ich doch alles nur erdenklich Mögliche, dass es ihm gut ging. Viele

Hundekontakte zum Spielen und Rennen, der ganze Hund war wie ein einziger gespannter Muskel.

 

Dann hörte ich von Rudelstellungen.

Keine Sekunde zweifelte ich daran, es könne wahr sein.

Entschleunigung hieß es da, keine Hundekontakte.

 

Naja, dachte ich, so ganz ernst nehmen muss man das ja nicht. Das Joggen, Radfahren und Rennen stellte ich ab, ich schaute genauer hin.

Nach der Anmeldung zum Workshop war ich mir sicher, einen Bindehund vor mir zu haben, der Führung braucht.

 

Der Workshop kam und eine glasklare Einschätzung: Vorrangleithund, stellungsschwach,

vom Menschen durch Unverständnis schwach gemacht….

 

Denn nun ergab alles plötzlich Sinn:

Er muss vorausgehen, er braucht viel Zeit, alles zu erkunden. Die „Freude“ bei anderen Menschen und Hunden war die Reaktion auf die Missachtung seiner Tabuzone, die ja beim Leithund etwa 10 Meter beträgt.

Der Stress durch das viele Rennen und die fehlende Bindung entstanden dadurch, weil ich als Mensch ihm nichts von dem erklärt habe, was er hätte wissen müssen.

So z.B., wie man sich richtig verhält, wenn einem Radfahrer entgegen kommen oder andere Hunde.

Wie hätte er sich aufbauen können, sich zeigen können, wenn ich ihn immer zurückrief? Er verstand die Welt nicht mit mir.

 

So begann ich von vorne.

Ich verdreifachte die Ruhezeiten, meine Spaziergänge waren kurz und sehr langsam, blieb er stehen, so stand ich auch,

schaute er sich etwas an, erklärte ich ihm, was er sah.

 

Wir gingen anfangs nur einsame Wege, die immer gleichen. Trafen wir doch mal einen Hund, bat ich ihn zu warten, an der Leine liefen wir weite Bögen um den anderen und auch um Menschen und

Fahrräder.

Ich sprach sehr viel mit ihm, forderte keinen prompten Gehorsam, sondern erbat Kooperation und machte Vorschläge.

 

An Straßen leinte ich ihn an, damit ich nicht mit Kommandos

einwirken musste, eine lange Leine am Geschirr, damit der Zug nicht zu stark wurde. Zog er, wurde ich ganz langsam. Ich gewöhnte mir an, die Zeit mit ihm draußen, 100 % bei ihm und konzentriert zu sein.

Regelmäßig ermöglichte ich ihm Kontakt zu passenden Hunden und jedes Mal gab es danach deutliche Fortschritte in unserer Kommunikation.

 

Über Wochen und Monate beobachtete ich große Veränderungen. Der Hund wurde weich, er schlief unglaublich viel und tief.

Sah er einen fremden Hund, baute er sich zu voller Größe auf, ohne hinzustürmen. Er begann Wünsche zu äußern und

erwartete, dass ich sie wahrnahm, so z.B., dass er tagsüber lieber im Auto sein wollte als in der Wohnung. Für mich unlogisch, für ihn sehr wichtig.

 

Stückchenweise wurde unsere Kommunikation besser, ich versuchte, alles mit ihm zu besprechen wie mit einem Freund,

Tagesabläufe, Besuch und Urlaubsphasen.

 

Wir sind nun seit eineinhalb Jahren auf diesem Weg, wir sind ein Team geworden, jeder weiß um die Bedürfnisse des anderen.

Nein, ich habe keinen Hund der hört, der auf den Punkt kommt, wenn ich rufe, der beeindruckt auf dem Hundeplatz mit

bedingungslosem Gehorsam.

 

Chambes ist ein Partner, der mit mir durchs Leben geht, der weiß, wie er sich in Situationen zu verhalten hat, der freiwillig meine Nähe sucht und meinen Schutz, wenn er Angst hat oder unsicher

ist.

Hundekontakte sucht er nicht mehr wirklich,

wenn ich mein Fahrrad hole, signalisiert er mir,dass er gerne zuhause bleibt. Er hat nun großen „will to please“, da ihm wichtig ist, wie ich mich mit ihm fühle.

 

Wir genießen unsere Zeit in Wald und Flur, sind nicht immer gleicher Meinung, aber finden immer einen Kompromiss.

Es fühlt sich gut und richtig an.

 

(Dieser Text wurde zur Verfügung gestellt von der Besitzerin von Chambes VLH, USerin Schimmelsanne. Vielen Dank dafür!)