Der Verständigungsschlüssel zum Hund für Züchter, Trainer und Hundehalter

Sozialisierung und Habituation bei Hundewelpen 

Es gibt da einen Unterschied zwischen den verschiedenen Reizen und ihrer Verarbeitung. Grob gesagt kann man sie in 4 Kategorien einteilen: 

1) gut => alles, was damit zu tun hat, bringt mich in freudige Stimmung 

2) schlecht => alles, was damit zu tun hat, macht mir Angst / macht mich wütend / macht mich traurig 

3a) neutral und von Anfang an vorhanden => "war schon immer da" bzw. gehört zu meinem ganz normalen Umfeld, d.h. regt mich weder auf noch an, es berührt mich insgesamt nicht weiter, kann mich durch die "Vertrautheit" aber ganz allgemein in entspannte Stimmung versetzen (in der Wissenschaft auch "Geborgenheitsgarnitur" genannt). 

3b) neutral, kommt aber erst im Lauf des Lebens dazu (NACH dem Welpenalter, d.h. ab 3. bis 4. Monat aufwärts – die 12 Wochen sind da auch nur ein ungefährer Wert) => berührt mich nicht weiter, kann mir aber nicht so viel Geborgenheit vermitteln wie bei 3a). 

4) „Prägung“ (wissenschaftlich genauer ausgedrückt beim Hund: „prägungsähnlicher Vorgang“) auf Sozialpartner (Hunde, Menschen, andere Tiere). 

Die besten Voraussetzungen für 1, 2, 3 und 4 sind dabei etwas unterschiedlich: 

1) prägt sich am besten mit einer gewissen "Dosis" freudiger Aufregung ein, d.h. ein gewisses, aber auf keinen Fall zu großes Maß (was durchaus sehr individuell ist!) an Stresshormonen (durch Freude!) ist dafür nötig, um eine Verknüpfung im Gehirn zu bilden Reiz bzw. Situation ---> gefällt mir ---> suche ich gerne wieder auf (wissenschaftlich gesehen passiert hier im Gehirn eine Kombination aus klassischer und instrumenteller Konditionierung => das hat überhaupt nichts mit durch den Menschen gezielt beeinflusster Konditionierung zu tun, es sind ganz einfach wissenschaftliche Begriffe, die beschreiben, was dabei im Gehirn vor sich geht - man weiß inzwischen, welche strukturellen und stofflichen Veränderungen im Gehirn genau diese Vorgänge ausmachen) 

2) läuft entsprechend zu 1) ab, nur halt mit nicht-freudiger Aufregung (Wut, Ärger, Trauer, Angst) ab einer gewissen Dosis aufwärts und es entsteht im Gehirn die Verknüpfung Reiz bzw. Situation ---> gefällt mir nicht ---> vermeide ich lieber; WICHTIG: ein ZU großes Maß an FREUDIGER Aufregung (und diese Dosis kann dann auch wieder sehr individuell sein) kann unter Umständen auch zu einer Verknüpfung der Kategorie 2 führen, d.h. zu „vermeide ich lieber“ (und wenn die Aufregung, egal ob freudig oder nicht, ein SEHR hohes Maß erreicht, wird entweder der gesamte Lernvorgang komplett blockiert oder es findet in der Gehirnphysiologie zwar noch ein Lernvorgang statt, das Gelernte kann hinterher aber kaum noch oder gar nicht mehr bewusst abgerufen werden => das passiert z.B. im Rahmen von post-traumatischen Belastungsstörungen). 

3a) findet NUR im „wohlig“ entspannten Zustand statt, d.h. hier wirkt sich schon eine kleine Dosis Aufregung (egal ob freudig oder nicht) kontraproduktiv aus. Es geht hierbei nicht um eine bewusste Verarbeitung von Reizen, sondern um die komplett unbewusste Verknüpfung Reiz + Reiz + Reiz + Reiz + Reiz (usw.) ---> alles ist in Ordnung (im Sinn von konditionierter Entspannung, eine Form der klassischen Konditionierung). Der Welpe bildet sozusagen so eine Art „Referenzsystem“ in seinen ersten Lebenswochen, „wann die Welt in Ordnung ist“. D.h. z.B. immer wenn die Welpen satt und zufrieden (ein-)schlafen (genauer gesagt beginnt das Ganze schon im Mutterleib), werden die zu dieser Zeit vorhandenen Reize in die „Wohlfühlsituation“ mit eingebaut. Das sind in großem Maße 

Gerüche (weil das zusammen mit Geschmack einer der ersten Sinne ist, der beim Welpen funktioniert, und weil Gerüche generell oft mehr über das Unterbewusstsein wirken als übers Bewusstsein), aber auch taktile Reize (Temperatur, Untergrund) und später ab der 3. Woche dann auch Geräusche und optische Einflüsse. 

3b) ganz entsprechend, aber eben nicht mehr mit der besonderen „Wohlfühlsituation“ verbunden wie bei 3a). 

Wenn ein Welpe z.B. in einem Pferdestall ENTSPANNT aufwächst, dann verknüpft er Pferdeduft, Einstreu, evtl. eher dunkleres Licht, Schnauben von Pferden usw. mit dieser Wohlfühlsituation und fühlt sich in dieser Situation auch später immer „heimisch“ und entspannt. Für einen Welpen, der ENTSPANNT in der Großstadt aufwächst (im Haus, aber mit gekippten Fenstern z.B.) sind dann vielleicht Benzingeruch, Autohupen usw. Bestandteile seiner persönlichen Wohlfühlsituation. 

Hier kann man sehr gut eingreifen als Welpenbetreuer und dafür sorgen, dass die Welpen möglichst viele verschiedene Wohlfühlsituationen haben (indem z.B. das Auto selbst zu so einer Wohlfühlsituation wird und man dann mit dem in verschiedene Gegenden fährt mit unterschiedlichen Gerüchen und Geräuschkulissen, oder indem man daheim für ganz unterschiedliche Gerüche und Geräusche sorgt) – umso ruhiger und entspannter werden sie später in verschiedenen Umgebungen sein. ABER: das Ganze funktioniert wie gesagt nur im entspannten Zustand, so dass es absolut nichts hilft, die Welpen einfach irgendwo hin zu schleppen, damit sie neue Sachen kennenlernen. Wenn sie dort dann NICHT entspannt sind, passiert ja gerade das Gegenteil (es entsteht sozusagen eine „Unwohlsituation“ => das erklärt, warum viele Hunde Situationen, auf die sie eigentlich „geprägt“ wurden, später trotzdem oder erst recht unangenehm finden). 

Schlimm dran sind die Hunde, bei denen gar keine dieser Wohlfühlgarnituren entstehen konnte, weil schon die Welpen nie eine Situation kennen lernen, in der sie wirklich mal zur Ruhe kommen konnten. Das ist zum Beispiel der Fall, wenn eine herrenlose Mutterhündin mitsamt ihren Welpen immerzu nur vertrieben wird – oder auch, wenn die Welpen schon in den ersten Wochen (v.a. den ersten 3 Wochen) beim Züchter vor lauter „Prägungsprogrammen“ gar nicht mehr richtig zur Ruhe kommen können und damit auch nicht mehr in den nötigen Entspannungszustand geraten. 

4) Was mit der Wohlfühlsituation alleine aber noch nicht geschafft ist, ist die Sozialisation an die sogenannte belebte Umwelt (andere Hunde, Menschen, weitere Tiere). Das ist dann nochmals ein ganz eigener Lernvorgang (beim Hund wissenschaftlich eben als „prägungsähnlicher Vorgang in Bezug auf Artgenossen“ bezeichnet, der nur im passenden Zeitfenster für die „Prägung“, nämlich 3. bis 7./8. Woche, stattfinden kann; dafür ist gar kein besonders langer oder intensiver Kontakt nötig, es reichen schon wenige Minuten mehrmals, nur eben das richtige Zeitfenster ist sehr wichtig und der richtige „Ablauf“ – beim Hund als soziale Interaktion). 

D.h. wenn ein Hund z.B. die Anwesenheit von Pferden irgendwo in seiner Nähe gewohnt ist, heißt das noch lange nicht, dass er ein Pferd als (erweiterten) Artgenossen ansieht, dafür ist der Prägungsvorgang zusätzlich nötig. Hat dieser stattgefunden, heißt das immer noch nicht, dass der Hund auch in sozialer Art und Weise mit dem Pferd umgehen kann – das muss er nochmals extra üben. Allerdings hilft es ihm dabei natürlich schon, wenn er zumindest Geruch, Geräusche usw. von Pferden schon im Rahmen seiner Wohlfühlgarnitur 

abgespeichert hat und diese Reize nicht auch noch neu für ihn sind, weil er die Sozialisation dann viel entspannter angehen kann. 

Ideal ist es, wenn ein Hund mehrere Wohlfühlsituationen für sich abgespeichert hat, aus diesen Wohlfühlsituationen heraus dann im passenden Zeitfenster seine zukünftigen Sozialpartner (Hund ergibt sich ja außer bei einzelner Handaufzucht; aber eben Mensch und evtl. noch weitere Tiere) kennen gelernt hat UND danach noch möglichst viele positive Erfahrungen (d.h. Kategorie 1) mit diesen Sozialpartnern bis zum Ende der Welpenzeit (12. bis maximal 16. Woche – der Übergang von Welpen- zu Junghundzeit ist äußerlich am Beginn des Zahnwechsels erkennbar) machen konnte. Allerdings eben IMMER unter der Voraussetzung, dass der Welpe dabei nie überfordert wird (d.h. immer nur geringe freudige Aufregung) und idealerweise immer aus einer seiner Wohlfühlsituationen heraus. Es bringt daher nichts bzw. wirkt kontraproduktiv, den Welpen in fremde ungewohnte Umgebung zu schleppen und dort dann irgendwelche Sozialisationsvorgänge starten zu wollen. Vielmehr sollten die Menschen und/oder Tiere zu Sozialisationszwecken bis zur 12. Lebenswoche zu den Welpen in die gewohnte Umgebung hin kommen (das können natürlich dann auch mehrere gewohnte Umgebungen einschließlich Auto sein) und dort dann für ruhige gute Erfahrungen sorgen (Zitat Gansloßer: „bis zur 12. bis 14. Lebenswoche kommt die Welt zum Hund, erst danach der Hund zur Welt“). 

Zusätzlich hilft es dem Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen der Welpen natürlich auch, wenn sie ganz generell in der Welpenzeit die Erfahrung machen können, dass sie etwas „schaffen“ können (um mal den Biologen Heinz Weidt zu zitieren: sie schaffen es, „Unsicherheiten“ in „Sicherheiten“ umzuwandeln). Das kann dann alles mögliche sein sowohl aus der unbelebten Umwelt (z.B. über ein Wackelbrett laufen) als auch aus der belebten Umwelt (z.B. ein Futterstückchen gegenüber einem Geschwister erfolgreich tabuisieren). 

© AGR April 2016