Der Verständigungsschlüssel zum Hund für Züchter, Trainer und Hundehalter

Warum hat Karl Werner immer von „vererbter“ Rudelstellung gesprochen?

Weil er aufgrund des ihm von seinem Vater und Großvater übermittelten Wissens und seiner eigenen Erfahrungen anhand der im Bestand eines Züchters vorhandenen Stellungen vorhersagen konnte, welche Stellungen dort im erwarteten Wurf vorhanden sein würden. Es stimmte immer.

Warum?

Hunde haben aufgrund ihrer vererbten Rudelstellung ein Grundbedürfnis, in einem strukturiert zusammengesetzten Rudel zu leben und daher auch die Möglichkeit, fehlerhafte Strukturen zu reparieren. Die Eckhund Zuchttiere können ganz gezielt die Geburtstellung der Welpen festlegen. Immer wieder sehe ich das auch heute bestätigt. Der Wurf, der zur Welt kommt, ist eine Reparatur des vorhandenen Hausbestandes. Sind die Zuchttiere Bindehunde, dann sieht man auch Reparaturversuche, aber nicht mehr sehr gekonnt. Es wird häufig die eigene Geburtsstellung vermehrt produziert.

Wie strukturieren sich Hunde und welche Unterschiede bedeuten die jeweiligen Strukturen für das Leben der Hunde?

Unabhängig von meinem eigenen Leben mit komplett strukturierten Rudeln oder Teilrudeln habe ich nachstehende Beobachtungen in der Natur gemacht, die mein Wissen bestätigten.

Durch zeitlich begrenzte Beobachtungen in der Zeit von 1970 bis 1989 in Spanien, Rumänien, Bulgarien und der Türkei an verwilderten Straßenhundpopulationen in der freien Natur konnte ich anhand meines Wissens über die vererbte Rudelstellung an Haushunden folgende Strukturen bei verwilderten Haushunden erkennen:

Strukturierte Rudel

Lose Verbände

Einzelgänger

 

Strukturierte Rudel

Strukturierte Rudel in Wanderformation erkennt man schon von weitem daran, dass sie wie an einer Schnur aufgereiht hintereinander laufen. Ganz deutlich kann man die beiden Leithunde identifizieren, die einen Abstand zur mittleren Gruppe halten.

Strukturierte Rudel haben aufgrund ihres komplexen Regelwerkes eine hohe Effektivität, hohe Überlebenschancen durch innere Stabilität und einen hohen Jagderfolg.

Die Stammstruktur eines strukturierten Rudels setzt sich aus folgenden angeborenen Rudelstellungen zusammen:

Spitze des Rudels

Vorrangiger Leithund (VLH, ein Eckhund)

vorrangiger 2. Bindehund (V2, ein Bindehund)

vorrangiger 3. Bindehund (V3, ein Bindehund)

Mittlerer Bindehund ( MBH, ein Eckhund )

nachrangiger 2. Bindehund (N2, ein Bindehund

nachrangiger 3. Bindehund (N3, ein Bindehund)

Nachrangiger Leithund (NLH, ein Eckhund)

Ende des Rudels

rudelstellungen-details

Alle Tiere in strukturierten Rudeln leben als ein Teil eines perfekt funktionierenden Uhrwerks, das diszipliniert und präzise seine Außen- und Innenaufgaben erfüllt.

Ich spreche davon, dass, wenn sich die 7 Geburtsstellungen in der Stammstruktur zusammengeschlossen haben, man einen perfekten, großen Hund hat. Und so einfach ist es dann auch, diese 7 Hunde zu halten.

Die Stammstruktur eines strukturierten Verbandes baut sich in einer bestimmten Reihenfolge auf.

Begonnen wird mit

Vorrang Leithund und Mittlerer Bindehund unterschiedlichen Geschlechtes.vlh-mbh

Als nächstes nehmen sich diese beiden Tiere die für den Mittleren Bindehund wichtigen Sicherungshunde an erwachsenen Tieren von außen auf:

nachrangiger 2. Bindehund und vorrangiger 3. Bindehund.
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Im Anschluss daran wird ein erwachsener vorrangiger 2. Bindehund in das sich aufbauende Rudel
aufgenommen. vlh-v2-v3-mbh-n2

Erst dann erfolgt die gleichzeitige Aufnahme eines nachrangigen 3.Bindehundes zusammen mit dem Nachrang Leithund, die man in der Natur häufiger auch zu zweit unterwegs sieht.fr-rude-komplett

All diese Zuführungen erfolgen mit zeitlichen Abständen. Die Zwischenzeiten dienen der Koordination- und damit Festigungsarbeit untereinander.

Ist die Stammstruktur komplett, ist es für den Menschen nicht mehr möglich, solche strukturierten Verbände zu begleiten, weil der Zusammenschluss des Vorrang- und Nachrang-Leithundes dem Verband eine Ortungsfähigkeit von weit über 1 km in einem Radius von 360 Grad ermöglicht. Erst wenn dieser Stammverband sich verfestigt hat, bauen sich solche Strukturen je nach jagdbarem Angebot Parallelverbände auf.

In diesen Parallelverbänden befinden sich kein weiterer Mittlerer Bindehund und auch kein weiterer Nachrang Leithund.

Tiere aus solchen strukturierten Rudeln hat man bisher nur gefilmt, wenn sie sich zu Außenaufgaben (von der Jagd kommend oder zur Jagd gehend) von ihrem Verband gelöst haben und auch da nur bei Wölfen.

Im Dezember 2011 erhielt ich von einer Workshopteilnehmerin ein Foto eines strukturierten Wolfsrudels, in Verteidigungsstruktur laufend auf dem Weg zur Bisonjagd.

Es handelt sich dabei um ein strukturiertes Rudel bestehend aus dem Stammverband und 4 Parallelverbänden aus reiner Bindehundpopulation, verstärkt durch jeweils 2 Stellvertreter – Vorrang Leithunde, also insgesamt 25 Tieren. Die jeweiligen Bindehunde aus dem Stammverband führen ihre identischen Stellungen. (Näheres siehe Wölfe)

 

Lose Verbände

Diese haben mich nie besonders stark interessiert, mir reichte was ich an Beständen dort vorfand. Nach allem, was ich in ihrem Verhalten dort beobachten konnte, halte ich diese Verbände für asozial. Mich interessierten mehr die strukturierten Rudel.

Lose Verbände bestehen aus reinen Vorrang- und Nachrang-Bindehundpopulationen.

Sie sind von Weitem in der Natur an den Formationsbildern zu erkennen, die lose Verbände klar von strukturierten Verbänden unterscheiden:

Je nach der Anzahl der einzelnen Stellungen sieht man in die Breite traubenförmig gezogene Formationsbilder. Im Unterschied zum strukturierten Rudel ist in solchen Verbänden ein ständiger Positionswechsel untereinander zu erkennen. Aus diesen Wechseln resultieren vermehrte Kontrollen und Korrekturen. Auch die häufigen Sozialgestenbestätigungen untereinander resultieren daraus. Die Hunde müssen sich immer wieder untereinander ihre Positionen bestätigen lassen.

Wenn man sich die Funktionen der Vorrang- und Nachrang-Bindehunde genau ansieht und weiß, wie diese Stellungen innerhalb der Struktur funktionieren, dann ist es nicht verwunderlich, dass sie sich zusammenschließen wenn sie keinen Platz in einem strukturierten Rudel finden. Aufgrund ihrer gesamten Anlagen sind Bindehunde nicht dafür geschaffen, alleine zu leben. Sie benötigen für ihr Sicherheitsgefühl unbedingt Körper vor und hinter sich.

Auch in diesen Gruppen lassen sich Hunde erkennen, die als Anführer fungieren, hierbei handelt es sich aber um erkämpfte Positionen innerhalb des losen Verbandes.

Da in solchen Verbänden bei jeglicher Veränderung der Anzahl der Tiere eine Instabilität auftritt, versuchen diese Verbände, die einmal erkämpfte Struktur so lange wie möglich aufrecht zu erhalten. Dies gilt vor allem für die Führhunde der jeweiligen Bindehundposition, die gegenüber einem strukturierten Rudel sehr lange im Verband gehalten werden.

Es herrscht in solchen Verbänden viel Unruhe und es kommt immer wieder in Abständen zu innerstrukturellen Auseinandersetzungen. Jede körperliche Schwäche wird sofort quittiert. Aus diesem Grund ist auch die Fluktuationsrate der Verlierer hoch.

Die Jagd üben sie gemeinschaftlich aus, aus diesem Grund ist auch der Erfolg bei weitem nicht so hoch wie in einem strukturiertem Rudel, da sie sich auch während der Jagd untereinander laufend kontrollieren.

Da diesen losen Verbänden die Ortungsfähigkeit der Eckhunde fehlt, ist es möglich solche Verbände als Mensch auch aus der Nähe zu betrachten.

 

Einzelgänger

Schaut man sich als Einzelgänger lebende Hunde an, erkennt man, dass es Eckhunde sind. Sie bewegen sich sehr gezielt und gradlinig in der Natur, bauen sich immer stark auf und schauen sich nur selten so um, dass man einen Körpereinsatz bemerkt.

Kommt es zu Begegnungen mit Vorrang oder Nachrang-Bindehunden in der Natur, bekommt der Mensch die Bestätigung, dass es sich hier um einen Eckhund handelt. Die Einzelgänger verfallen in statuenhaftes Dauerstehen und die Bindehunde ziehen im großen Bogen um diesen Hund weiter – sehr darauf bedacht, eine hohe Distanz aufrecht zu erhalten. Der Einzelgänger verlässt nicht seinen Weg.

Er signalisiert aber gleichzeitig den Fremdbindehunden „wünsche keinen Kontakt“, indem er die Bindehunde kurz fixiert und dann starr in die von ihm gewünschte Richtung schaut.

 

Was bedeutet dieses Wissen für den normalen Hundehalter

Stellungsstarke Hunde, egal welcher Stellung, die sich innerhalb ihrer Stellung auch ausleben können, sind in sich ruhende Hunde; sie besitzen eine hohe Intelligenz und sind sehr leicht führbar als Mensch. Diese Hunde wünschen keine Probleme und verursachen keine Probleme.

Dazu muss sich der Mensch aber davon verabschieden, dass er dem Hund irgendetwas beibringen kann. Der Hund bringt zuerst dem Menschen sein Wissen bei. Lässt er sich darauf ein, lernt der Mensch vom Hund und hat so den Schlüssel in der Hand, auch seine Forderungen dem Hund begreiflich zu machen. Dabei muss der Mensch in seiner Persönlichkeit die gleiche hohe Festigung für sich selber besitzen, wie der Hund durch seine Stellung innerlich gefestigt ist.